News

News-‹bersicht 18.06.2000DSF

"Bundestrainer? Es wäre mir eine Ehre"

WELT am SONNTAG: Herr Trapattoni, nach der EM wird voraussichtich ein neuer Bundestrainer gesucht. Haben Sie Interesse?

Giovanni Trapattoni: Es wäre für mich eine große Ehre, wenn der DFB auf mich zukommen würde. Ja, über ein solches Angebot würde ich intensiv nachdenken. Aber zunächst mal habe ich allen Respekt vor der Arbeit von Erich Ribbeck.

WELT am SONNTAG: Sie sind auch in Italien als Nachfolger von Dino Zoff im Gespräch.

Trapattoni: Dino hat noch einen Vertrag bis 2002. Aber wenn man auf mich zukommt, werde ich überlegen.

WELT am SONNTAG: Ihr Interesse an einem Nationaltrainer-Job überrascht uns. Sie haben mal gesagt, Sie möchten nur bei einem Verein arbeiten, um jeden Tag mit dem Spielern trainieren zu können.

Trapattoni: Aber ich habe auch gesagt, man soll nie nie sagen. Nein, wie gesagt, ein solches Amt, ob in Italien oder in Deutschland, wäre für mich eine große Ehre.

WELT am SONNTAG: Als Bundestrainer könnten Sie auch in Italien wohnen bleiben und zu Spielbeobachtungen nach Deutschland einfliegen.

Trapattoni: Nein, nein, wer mich kennt, weiß, dass ich einen solchen Job entweder ganz oder gar nicht mache. Als Nationaltrainer musst Du in dem Land leben, wo Du arbeitest. Freitag ein Spiel, Samstag ein Spiel, Sonntag ein Spiel, montags Zweite Liga, dann in die DFB-Zentrale nach Frankfurt. Das geht nicht von Mailand aus.

WELT am SONNTAG: Bei den Bayern haben Sie sich in erster Linie aus familiären Gründen verabschiedet.

Trapattoni: Damals ging es meiner Frau nicht gut. Sie musste operiert werden. Inzwischen ist sie aber wieder völlig gesund und hätte nichts gegen eine Rückkehr nach Deutschland.

WELT am SONNTAG: Aber auch Sie könnten am Grundproblem des deutschen Fußballs nichts ändern. Wir haben keine herausragenden jungen Spieler.

Trapattoni: Das ist kein spezifisch deutsches Problem. Andere Länder haben die gleichen Schwierigkeiten bei der Suche nach großen Talenten.

WELT am SONNTAG: Aber die Engländer haben eine Owen, einen Beckham, die Spanier einen Raúl.

Trapattoni: Aber das sind Ausnahmen von der Regel. Das Grundproblem ist überall gleich. Junge Spieler werden sofort zu Start gemacht, nach einem herausragenden Spiel, nach einem tollen Tor. Sie verdienen dann viel zu früh viel zuviel Geld und denken, sie müssen sich nicht mehr quälen. Aber wer ein Star werden will, muss leiden können. So wie eine Lothar Matthäus.

WELT am SONNTAG: Wird aus Matthäus mal ein guter Trainer?

Trapattoni: Bestimmt. Aber er dürfte sich dann nicht mehr so in den Mittelpunkt stellen. Ein Trainer muss sich zurücknehmen können. Im Dienste seiner Mannschaft.

WELT am SONNTAG: Die deutsche Mannschaft hat zu Beginn der EM enttäuscht. In der Champions League dagegen haben die Bayern in dieser Saison imponiert. Haben Sie eine Erklärung, warum diese Spieler die Leistung in der Nationalmannschaft nicht abrufen?

Trapattoni: Ich vermute, es liegt an der fehlenden Konstanz. Viele deutsche Profis können sich einfach nicht über mehrere Spiele hintereinander total konzentrieren. Sie spielen vier, fünf Spiele hintereinander gut, dann kommt wieder ein Loch.

WELT am SONNTAG: Die Kritik macht sich besonders an Lothar Matthäus fest, Ihrem ehemaligen Spieler bei Inter Mailand und beim FC Bayern. Hätten Sie in zur EM mitgenommen?

Trapattoni: Eine schwierige Frage. Von seiner sportlichen Klasse wäre er sogar für italienische Spitzenmannschaften noch interessant. Eine Stunde könnte er auch in Italien noch mithalten. Aber eben nur eine Stunde. Lothar ist nun mal keine 27, 28 mehr wie in seiner Glanzzeit in Italien. Sonder er ist schon 39. Das ist das Problem.

WELT am SONNTAG: Bayern-Manager Uli Hoeneß sagt, Matthäus habe mit dem Wechsel in die USA den größten Fehler seiner Karriere gemacht.

Trapattoni: Ich habe mich auch gefragt, warum macht Lothar so etwas. Warum beendet er seine Laufbahn nicht in Deutschland. Amerika - das ist doch Folklore. Das passt nicht zu einem Weltklassemann wir Matthäus. Aber so ist Lothar nun mal. Unheimlich schnell für etwas Neues zu begeistern.

WELT am SONNTAG: Haben Sie Sorge, dass er den richtigen Zeitpunkt für sein Karriere-Ende verpasst hat?

Trapattoni: Lothar lebt so extrem von seiner Begeisterung. Schon vor drei Jahren bei den Bayern habe ich ihm gesagt, Lothar, mach mal piano im Training, spar Dir Deine Kraft für das Spiel. Aber das kann er nicht. Er muss immer Vollgas geben. Einem solchen Sportler fällt der Abschied naturgemäß besonders schwer.

WELT am SONNTAG: Ein anderer Ihrer ehemaligen Spieler ist gar nicht dabei. Mario Basler, das Enfant terrible.

Trapattoni: Von seinen Veranlagungen müsste er zu den besten Spielern Europas gehören. Er hat Spielwitz, Technik, Kreativität, Robustheit. Aber Mario ist für einen Trainer nicht vertrauenswürdig. Du weißt nie, wie er spielt. Herausragend oder schwach. Deshalb hat Ribbeck ihn zu Recht zu Hause gelassen.

WELT am SONNTAG: Haben Sie bei Bayern versucht, Mario von einer solideren Lebensführung zu überzeugen?

Trapattoni: Nicht einmal, sondern zigmal. Ich habe in der Kabine mit ihm gesprochen, in Hotelzimmern. Und immer wieder gesagt: Mario, vergeude nicht Dein Talent. Leider vergebens. Mario zählt zu den Spielern, an denen Du als Trainer verzweifeln kannst.

WELT am SONNTAG: Sind das die Momente, wo Sie darüber nachdenken, sich mit 61 Jahren doch aus dem Trainergeschäft zu verabschieden?

Trapattoni: Nein, ich bin noch nicht fertig. In mir brennt nach wie vor Feuer. Mir macht diese Arbeit auf dem Trainingsplatz unheimlich viel Spaß.

WELT am SONNTAG: Obwohl Sie zuletzt bei Ihrem Engagement in Florenz sogar Polizeischutz gegen randalierende Fans benötigten?

Trapattoni: Beim AC Florenz gibt es rund 200 Anhänger, die immer Stimmung gegen mich gemacht haben, weil ich früher einmal bei Juventus Turin gearbeitet habe. Für die war ich immer der verhasste Juve-Mann. In Deutschland wäre so etwas undenkbar. Da akzeptiert man nich als Welttrainer, der in Italien und in Deutschland bei mehreren Klubs mit Erfolg gearbeitet hat.

Das Gespräch führte Peter Wenig.