Giovanni-Trapattoni

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Das Interview

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S T E R N -I Ausgabe: 14 I 29-03-2001 I Seite: 210 I Autor/in: *Giuseppe Di Grazia*

"Sagen Sie ihm, es tut mir leid"

Längst arbeitet GIOVANNI TRAPATTONI wieder in Italien, derzeit als Nationaltrainer. Doch Deutschland, so der ehemalige Bayern-Coach, liegt ihm immer noch am Herzen - und Thomas Strunz bedauert er aufrichtig

Signor Trapattoni, Deutschland lässt Sie anscheinend nicht los. Sie werben gerade für eine neue Joghurtmarke aus Bayern.

Gedanklich habe ich Deutschland ja nie verlassen. Für ein deutsches Produkt zu werben, finde ich eine sympathische Art, mit dieser von mir so geschätzten Nation in Verbindung zu bleiben.

Wie erklären Sie sich Ihre nach wie vor große Beliebtheit in Deutschland?

Weil ich nicht nur als Trainer, sondern auch als Mensch akzeptiert werde. Natürlich weiß ich, dass diese Popularität auch mit meiner legendären Pressekonferenz zu tun hat.

Sie stiegen nach diesem furiosen Auftritt zur Kultfigur auf. Aber Sie fühlten sich eher verletzt.

Alle Welt lachte - aber gerade deshalb hatte ich bei den Spielern Autorität und Respekt verloren. Danach war es Zeit, nach Italien zurückzukehren. Ich hatte alles gegeben, aber ohne Sprache bist du wie ein Fisch an Land.

Haben Sie sich die Pressekonferenz noch einmal angeschaut?

Ich war Weihnachten Gast einer TV-Sendung, da wurde sie als Beitrag eingespielt.

Und was haben Sie beim Betrachten der Aufnahmen empfunden?

Das war für mich doch nichts Ungewöhnliches: Wenn ich mich aufrege, dann bin ich so. Bis dahin hatte ich das nur in den Umkleideräumen getan. Ich rede viel mit meinen Spielern. Zuerst im Guten. Wenn ich fühle, der Dialog wird mir als Schwäche ausgelegt, dann flippe ich schon mal aus. Und bestehe auf der Rollenverteilung: Der Chef bin ich, der Spieler muss folgen.

Thomas Strunz glaubt, dass Ihr "Was erlauben Struuunz?" seiner Karriere sehr geschadet habe.

Das tut mir sehr leid. Alle haben sich danach auf diese Szene gestürzt, haben sie missbraucht für sarkastische, satirische und auch dumme Sprüche. Dazu kommt, dass er in Italien ein Opfer seines Namens wurde. "Strunz" ist bei uns ein vulgärer Begriff und bedeutet so viel wie "erbärmlicher Kerl". Das war natürlich niemals meine Absicht. Ich wollte damals nur klarstellen: Strunz verlangt, dass er spielt, obwohl er dauernd verletzt ist.

Auch in Deutschland hat er sehr darunter gelitten. Strunz galt danach als Typ, der arrogant über den Platz schleicht und sich zudem noch erlaubt, seinen Vorgesetzten zu kritisieren.

Sie können ihm sagen, dass ich das aus tiefstem Herzen bedaure. Wirklich.

Sprechen Sie ab und zu noch Deutsch?

Manchmal ja (auf Deutsch). Ich versuche, es nicht zu verlernen. Aber jetzt bin ich gerade dabei, mein Englisch zu verbessern. Wegen der WM 2002 in Japan und Südkorea.

Sie sind so etwas wie der letzte Romantiker im Fußball. Wettern gegen den Egoismus der Spieler, predigen den Kollektivgedanken. Sind Ihre Vorstellungen noch zeitgemäß?

So bin ich nun mal. Der Fußball hat mich reich gemacht, aber meine Ideale sind die eines Sozialisten. Ich meine das nicht im politischen Sinne, sondern im christlichen. In einer Mannschaft hast du immer drei, vier Stars, die sich gerne wie Fürsten aufführen. Aber in der Kabine muss das Leben für alle gleich sein, auch wenn das Gehalt unterschiedlich ist. Von dieser Auffassung bringt mich nichts ab.

Ihr Kollege Arrigo Sacchi hält Sie für "den größten aller Trainer".

Sein Kompliment bezog sich auf meine Art und Weise, wie ich mein Leben und den Fußball in den Griff bekommen habe. Das imponiert ihm. Ab und zu treffen wir uns zum Essen. Dann fragt er mich: Wie hast du das geschafft? Über so lange Jahre hin? Ich antworte ihm stets: Es ist mein Charakter, es ist der Charakter, der einen im Leben voranbringt. Wenn ich die letzten Kritiken lese, müsste ich sofort aufhören! Aber so bin ich nicht.

Dennoch: Irgendwann werden Sie ja aufhören. Wie wollen Sie den Menschen dann am liebsten in Erinnerung bleiben? Als erfolgreichster Trainer der Welt?

Nein, nein. Sie sollen denken: Er war (auf Deutsch) ein anständiger Mensch. Verstehen Sie?

Haben Sie eigentlich noch Ihr Bankkonto in Deutschland?

Natürlich. Vielleicht komme ich ja noch einmal zurück.