News

News-Übersicht 22.02.1999 Der Spiegel

Der Sozialist in Wildleder

Giovanni Trapattoni, der beim FC Bayern als Trainer aufgab, hat den AC Florenz zu neuer Blüte geführt. Der ehrliche Italiener stößt aber auch in der Heimat auf Widerstände. Trapattoni fühlt sich fremd in der modernen Fußballwelt.

Der fußlahme Berufssportler, diese Sorte Mensch, die sich zuweilen schwach wie eine Flasche leer durchs Leben mogelt, ist ganz offenkundig ein EUweites Phänomen. Man sieht das beispielsweise an der Belegschaft des Fußballclubs AC Florenz, wenn sie nachmittags um drei zur Arbeit geht.

Dann stellt sich nämlich jedesmal das Problem, daß sie irgendwie von der Umkleidekabine hinüber muß auf den Fußballplatz. Der Weg ist überschaubar, in etwa so weit, wie wenn man in den Uffizien von Botticellis "Geburt der Venus" zu Leonardos "Dame mit dem Hermelin" muß, also durchaus zu Fuß machbar. Aber es geht eben auch anders.

Neulich hat der AC Florenz für die Seinen einen Fiat Ducato angeschafft, ein praktisches Großraum-Automobil, das jetzt immer vor der Trainingsstunde zum Einsatz auf der Kurzstrecke kommt. Der Chauffeur parkt dann vor der Garderobe, füllt ein paar Fußballspieler in seinen Kleinbus, fährt die 150 Meter bis zur Übungswiese, spuckt die Fuhre aus, kehrt leer zurück und holt die nächsten.

Wenn die letzte Schicht gefahren ist, kommt der Chef, und zwar zu Fuß. Kurz und flink sind seine Schritte; zwischendurch nimmt er ein paar Bambini in den Arm, an denen vorhin der Ducato vorbeirauschte. Da könnte Giovanni Trapattoni wahnsinnig drüber werden, aber so sind sie, die Profis von heute: haben vergessen, was sie den Leuten schuldig sind. Schnösel mit viel Geld und wenig educazione.

Wie sehr die ihn aus dem Gleichgewicht kippen können, ist in der Welt bekannt, seit Trapattoni, 59, in Deutschland beim FC Bayern München wirkte. Da hatte der Mann aus der Lombardei diesen großen Moment, in dem er die Dinge formvollendet auf den Punkt brachte, zum Beispiel, indem er sagte: "Es gibt im Moment in diese Mannschaft, oh, einige Spieler, vergessen ihnen Profi was sie sind."

Der "discorso famoso", als der diese Symphonie willkürlich verketteter Silben auch in Italien zu Ruhm gelangte, ist nun ein knappes Jahr alt, und seither haben sich viele Dinge zum Guten gewendet. Die Leute, zu denen der Fußballehrer spricht, verstehen wieder auf Anhieb, was er meint. Und das hat seine Lust an der Arbeit ordentlich unter Feuer gesetzt.

Kaum daß Trapattoni den Rasen der Florenzer Übungswiese unter den Schuhen hat, bewegt er sich mit der Motorik eines aufgezogenen Brummkreisels. Springt dreimal in die Luft, pflückt einen Ball von der Erde und sprintet damit quer über das Feld hinüber zum deutschen Gastarbeiter Jörg Heinrich, der etwas uninspiriert in die Bergwelt der Toskana glotzt.

Unterwegs kommt ihm eine Dreiergruppe unter die Augen, die mit der Kunst der punktgenauen Flanke zu Gange ist. Die Übung klemmt, da muß er eingreifen. "Di qua, di qua, di qua", von hier, von hier, von hier ­ der Italiener ist erregt, als habe er eben gerade zwei Fiat Cinquecento beim Zusammenstoß erlebt. Aber immerhin: "Der schafft es, daß man ihm zuhört", hat Heinrich festgestellt ­ eine nach dem Verständnis des modernen Profis offenbar zirzensische Begabung.

Seit Trapattoni Deutschland verlassen hat, ist der mit 18 Titeln erfolgreichste Clubtrainer der Welt wieder obenauf. Den AC Florenz, einen vormals welken Fußballverein, der seine letzte Blüte in den sechziger Jahren erlebte, führte er bis an die Spitze der italienischen Liga.

Prompt bot ihm der zum großen Gefühl neigende Präsident Vittorio Cecchi Gori, im Hauptberuf unter anderem Produzent des KZ-Epos "Das Leben ist schön", einen Vertrag auf Lebenszeit. Und Nello Governato, der Generaldirektor, weiß zu berichten, die komplette Stadt sei assolutamente entusiasta.

Spätestens jetzt weist sich, daß es sich bei Trapattonis Versuch, den Deutschen Weltläufigkeit und eine Idee von modernem Fußball zu injizieren, um ein großes Mißverständnis gehandelt haben muß. Die Frage freilich, wer das eigentlich zu verantworten hat, konnte nie abschließend beantwortet werden.

Unstrittig ist, daß er dem Fußball als Bestandteil des Kulturlebens zu neuer Tiefe verhalf. Was Joschka Fischer für die Grünen, war Giovanni Trapattoni für Deutschlands Fußballehrer: endlich mal einer mit anständigen Klamotten. Rehhagels Jünger tragen Sticker von Taxofit am Kragen, Trapattoni Seide aus Mailand. Rehhagel pfeift wirr auf den Fingern, wenn es eng wird im Strafraum, Trapattoni läßt aus einem Fläschchen, das er immer mit sich trägt, Weihwasser auf die Erde tröpfeln.

Unerreicht, wie der Mann mit dem grauen Haupt und den gütigen Augen mit assoziativer Eleganz über sein liebstes Spiel zu erzählen weiß: Fußball sei wie ein Konzert, in dem elf Solisten zu einem orchestralen Gesamtkunstwerk zusammenschmelzen, am liebsten Bach. Bloß: Bayern klang zuweilen wie Bohlen.

Trapattonis Sendungsbewußtsein als Kreuzritter gegen Egoismus und Werteverfall auf dem Rasen rührt aus einem romantischen Verhältnis, das er sich zum Fußball bewahrt hat. Der Sport hat ihn nach eigenem Verständnis vom Sohn eines Textilfärbers zum Weltbürger gemacht, und solange er in diesem Geschäft tätig ist, will er ihm etwas zurückgeben davon.

Noch immer wirkt es so, als habe Trapattoni mehr Spaß an diesem Spiel als jeder, dem er es beibringen soll. Während der Ducato nach dem Trainingsende schon wieder im Einsatz ist, kümmert sich der Trainer um einen Ball, der auf der Wiese zurückblieb. Den befördert er kunstvoll mit dem rechten Fuß auf die linke Hacke und läßt ihn von da in die Luft segeln. Trapattoni, sagt Direktor Governato, sei "jeden Tag begeistert, als sei es das erstemal".

Giovanni war das letzte von fünf Kindern, sein Vater arbeitete im Schnitt 14 Stunden am Tag (Trapattoni: "Acht und sechs mehr"); die Mutter verdiente dazu, "nicht nur aus Überlebensgründen, sondern auch aus Respekt" vor dem Vater. Weil der kein Geld für Fußballschuhe hatte, spielte der Sohn barfuß mit einer Papierkugel. Später kam er zum AC Mailand, und als der Vater starb, fragte er seinen Trainer, ob er den Verein verlassen dürfe: Der 14jährige wollte Geld für die Familie verdienen. Mit dem Fußball kam er auf 14 000 Lire, in einer Buchdruckerei hätte er 90 000 Lire nach Hause getragen.

Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß sagt, sein Verein habe von Trapattoni "vor allem Anständigkeit" gelernt. Es gab zum Beispiel Abende, da hat der gute Mensch aus Cusano Milanino solche Spieler, die am nächsten Tag auf der Ersatzbank sitzen sollten, im Hotelzimmer besucht und ihnen erklärt, warum sie im Sinne des großen Ganzen nicht spielen würden. Er sagt, das sei für ihn "eine Frage des Respekts".

Dann faßt er sich mit beiden Händen an die Seite, so, wie es der Italiener tut, wenn ihn die Emotion plagt. Und läßt sich mitten hineinfallen in den Dschungel der deutschen Sprache: "Eine Trainer hat links Herz, rechts Verantwortung. Gibt Momente, kann nicht überlegen in Herz. Weil Herz is Herz, für de Mensch. Aber Verantwortung is für de Club, für de città, für de elf Kollega."

Fußball, sagt Trapattoni, habe ihn reich gemacht, aber seine Ideale seien die eines Sozialisten. Er meint das nicht politisch, "sondern christlich". Alle Mannschaften, mit denen er erfolgreich war, hätten menschlich dieselbe Höhe erreicht. "Eine dottore oder eine nix, is egal, verstanden?"

Natürlich nicht. Keiner von denen, die das begreifen sollten, hat auch nur das Geringste verstanden. Wenn Uli Hoeneß meint, dieser wunderbare Mensch sei deshalb in Deutschland nicht zurechtgekommen, weil es mit der Grammatik klemmte ("Er fühlte sich wie amputiert"), dann ist das nur die halbe Wahrheit.

Das Verständnis für Sozialismus und Gleichheit und Brüderlichkeit ist bei Fußballprofis der neuen Zeit immer dann vorhanden, wenn es die anderen betrifft. Wer auf die Reservebank muß, verliert Zehntausende von Mark, da wird ihm das Kollektiv vollkommen Wurst.

Gut möglich, daß Trapattoni sein besonderes Idiom davor geschützt hat, ihn beim Wort zu nehmen. Durchaus denkbar, daß er andernfalls schwer beschädigt in die Heimat zurückgekehrt wäre, als ewig Gestriger, der seinen sozialistischen Nebelkerzen hinterherguckt wie einst Erich Honecker in der chilenischen Schlußphase.

So lebt wenigstens die Geschichte fort von jenem ehrbaren Mann, der eines Tages bei Uli Hoeneß in der Bürozarge stand, ein Kuvert auf den Glastisch legte, in dem sein Vertrag war, und sagte: "Es geht nicht mehr." Der auf ein paar Millionen Abfindung verzichtete, der fertig hatte.

Wenn man dieser Tage morgens um elf an der Jugendstilvilla des AC Florenz den emaillierten Klingelknopf betätigt, kann es passieren, daß Trapattoni selber die Pforte öffnet. Hier ist er daheim, zwischen Stuck und Kronleuchtern und moderner Kunst.

Deutschland? Ein wundervolles Land, findet er. Deutschland hat eine soziale Erziehung, die in Italien irgendwie fehlt. "Wenn du in Deutschland ins Halteverbot fährst, kommt einer und sagt: He, Sie dürfen hier nicht parken, und dann fährt man woandershin. Wenn dir das einer in Italien sagt, bleibt das Auto stehen, und der andere kriegt einen Tritt in den Arsch."

Bloß der deutsche Fußball, der ist nicht seine Welt. Vor ihm liegt ein in der Mitte gefalteter "Corriere dello Sport", eine täglich erscheinende Sportzeitung. Trapattoni haut unvermittelt mit der flachen Hand auf die Vorderseite, so wie einst beim discorso famoso aufs Rednerpult. "Diese ist italienische Mentalität", sagt er und dreht dann das Organ auf den Rücken, "und diese ist deutsche Mentalität." Das heißt: Der Italiener, der versucht, deutsch zu werden, hört auf, Italiener zu sein.

Dann zupft er einen goldbesetzten Kugelschreiber aus dem Jackett und drückt tiefe Striche ins Papier. Die erste Zeichnung besteht aus einem waagerechten Strich, auf den aus sämtlichen Himmelsrichtungen senkrechte Striche stoßen. Das ist der italienische Profi. "La pressione, der Druck, ist überall." Die zweite Skizze zeigt einen waagerechten Strich, auf den die senkrechten Striche nur von oben herniederprasseln. Das ist der deutsche Profi. Der hat es gut, nur: Der begreift es nicht. Und deshalb mußte Trapattoni damals auch einen Detektiv auf Mario Basler hetzen, weil der nachts immer am Tresen hing.

Der Deutsche, sagt er, meint immer, er sei anders als die anderen und müsse auch anders bleiben. Das allerdings sei ein schwerer Irrtum, denn damit verliert man inzwischen schon 0 : 3 gegen Amerika, und wenn er das ändern will, dann muß er sich "fußballerischen Ideen mit europäischem Charakter" öffnen ­ "internationaler Fußball braucht internationale Mentalitäten", nicht "Zweikampf, forza e finito", sondern "Geometrie in der Schnelligkeit und Schnelligkeit in der Geometrie".

Das könnten Sätze für die Ewigkeit sein, wäre es nicht so, daß die Wirklichkeit selten das hielt, was Trapattoni in der Möglichkeit beschwor. In Erinnerung bleibt, wie ihn in München die Sorge umtrieb, hinten erst mal keinen reinzukriegen, weshalb er erst mal den bewährten Libero hinter der Abwehr verschnürte ­ ein Akt, der etwas Vogtssches in sich hatte. Unvergessen auch, wie sich der europäische Gedanke in den Weiten des Münchner Stadions vereinzelte: "Ding, dang, dong", das war Trapattonis Formel, mit der er die Bedeutung des kurzen Passes an den Mann brachte.

"Fußball war des net", sagte der Präsident Franz Beckenbauer seinerzeit mal, "i weiß gar net, wie des Spiel heißt ­ vielleicht Basketball." Fußball, so wie Beckenbauer ihn versteht, spielt München erst, seit Ottmar Hitzfeld hier der Trainer ist. Und womöglich ist es im nachhinein ein Segen in Trapattonis Vita, daß er in Deutschland von pampigen Emporkömmlingen wie "Was-erlauben-Strunz?" umgeben war, die meinten, der feine Italiener sei schuld, daß ihnen an der Seitenlinie die Puste ausgeht.

Seit John F. Kennedy ("Ich bin ein Berliner") hat sich kein Ausländer mehr so vehement in die Herzen aller Deutschen geredet wie Trapattoni ("Ich habe fertig"). Von der Sache her steht er auch heute noch dazu, bloß grammatikalisch räumt er Schwächen ein. Bei dem Thema gerät er in Wallung, der Gastgeber springt vom Stuhl und stößt mit dem Wildlederschuh gegen einen Heizkörper: "Habe gesagt: Swach wie eine Flasche leer. Muß sagen: Swach wie eine leer Flasche."

Dann sitzt er wieder. Gottlob vorbei diese Zeiten. Jetzt ist er in Italien, und Italien ist ohnehin das bessere Pflaster für ihn. Andere kulturelle Grundlagen eben, auch im Fußball, der sich immer wieder von fremdländischen Einflüssen befruchten läßt.

Wie das im Detail aussieht, erfuhr der Heimgekehrte am vorletzten Sonntag. Der Stürmer Edmundo, eine Perle in Trapattonis Angriffsreihe, war vorübergehend abhanden gekommen. Er mußte in seine Heimat nach Brasilien, des fremdländischen Kulturguts wegen: Es drängte ihn zum Karneval. Florenz verlor das Spiel in Udine und die Führung in der Tabelle, und der Trainer erlitt eine Nierenkolik.

Wenn er irgendwann auch in Florenz fertig ist, sagt Giovanni Trapattoni und faltet die bemalte Zeitung zusammen, möchte er noch mal mit Kindern arbeiten, weil man bei denen nicht nur die Füße, sondern auch das Hirn erziehen kann.

Im "Corriere dello Sport" vom Tage findet sich die Geschichte von Vincenzo Sarno, einem mit beträchtlichem Talent gesegneten Fußballspieler aus Neapel. Der ist gerade umgezogen, weil ihn der AC Turin für 120 000 Mark eingekauft hat. Vincenzo Sarno ist gerade zehn Jahre alt geworden.