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News-Übersicht18.01.1999Hamburger Morgenpost

«Maestro» Trapattoni gibt mit Florenz den Takt an

Als Giovanni Trapattoni vor gut einem halben Jahr in Florenz seine Arbeit begann, pfiffen ihn die Fans noch lautstark aus. Sieben Monate später liegen die Tifosi dem «Maestro» zu Füßen.

Trapattoni hat alle überzeugt: Seine Mannschaft, daß sie das Zeug zum Titel hat, die Fans, daß er einer von ihnen ist, und die Vereinsführung, daß er die «Fiorentina» in die Champions League führen wird. Nachdem der ehemalige Bayern-Trainer am Wochenende mit dem AC Florenz die «Wintermeisterschaft» unter Dach und Fach gebracht hat, jubelte Vereinsboß Vittorio Cecchi Gori: «Eines meiner größten Verdienste war es, Trapattoni nach Florenz geholt zu haben.»

Der 59jährige Fußball-Lehrer gibt gleich im ersten Jahr nach seiner Rückkehr aus Deutschland in seiner Heimat wieder den Takt an. Nach Abschluß der Hinrunde führt die Mannschaft des Ex-Dortmunders Jörg Heinrich mit drei Punkten Vorsprung die Tabelle an. «Der Wintermeistertitel wird uns die Kraft geben, auch am Ende ganz vorne zu sein», prophezeit Trapattoni. Und keiner in Italien zweifelt daran. Die Verfolger AC Parma, Lazio Rom und AC Mailand hofften vergeblich auf den Einbruch der Florentiner. Mit einem reinigenden Gewitter - ähnlich dem «Ich habe fertig» in München - hatte Trapattoni seiner Mannschaft nach den ersten Anzeichen von Übermut in der letzten Woche genauso laut wie unmißverständlich klar gemacht, daß er «Neid und Egoismus» unter den Spielern für «ein Zeichen mangelnder Intelligenz» hält und nicht akzeptiert.

Die Antwort der beeindruckten Spieler ließ nicht lange auf sich warten. Superstürmer Gabriel Batistuta, mit 17 Treffern in 17 Spielen der erfolgreichste Torjäger der Serie A, gab mit drei Toren die Richtung vor und selbst die beiden heftig kritisierten Streithähne Rui Costa und Edmundo zogen mit. Am Ende sicherte sich Florenz mit dem 4:2 gegen Cagliari die Tabellenführung.

«Manchmal löse ich ganz gerne ein Erdbeben aus. In gewisser Weise kann man damit jedem zeigen, wie stark wir sind», sagte ein verschmitzt lächelnder Giovanni Trapattoni, der sich wieder einmal freuen durfte, daß sein in Wirklichkeit perfekt getimter, gar nicht unkontrollierter Wutausbruch zum Ziel geführt hat. Die Wintermeisterschaft ist eingefahren. Und das heißt in Italien etwas, denn immerhin sieben von zehn Wintermeistern waren auch am Ende der Saison die Nummer eins.

Zu den stärksten Konkurrenten im Kampf um die Meisterschaft gehört neben dem zum sechsten Mal in Folge siegreichen Liga-Krösus Lazio Rom auch der AC Mailand. Nicht zuletzt dank Oliver Bierhoff, der seine Ladehemmung endlich überwunden hat und «nun viel ruhiger ins Spiel gehen kann». Mit seinem achten Saisontor hat der deutsche Nationalmannschaftskapitän beim 2:1-Sieg gegen Perugia am Wochenende Milan bis auf fünf Punkte an den AC Florenz herangebracht. «Die Meisterschaft ist noch drin», kündigte Bierhoff seinem Nationalmannschaftskollegen Jörg Heinrich eine spannende Rückrunde an.